Irgendwann wird alles gut

Kapitel 1

Als es draussen schon stรผrmte und sich die kahlgeschorenen Bรคume krรผmmten, beschloss ich in den kleinen Schuppen am Ende des Gartens zu gehen.

Er stand unter einem alten Kirschbaum, der bereits seit einigen Jahren keine Frรผchte mehr trug, in meiner Erinnerung aber immer noch blรผhte, im Sommer mehr rot als grรผn war und mich stรผtzte, wรคhrend ich Steine รผber die Hecke spuckte die den Garten umrandete.

Die Tรผre klemmte und das morsche Holz, von dem die Witterung den Lack gefressen hatte, brรถckelte am Rand, als ich sie aufkantete.

Die Birne an der Decke brannte noch und ich blickte auf den Klotz, auf dem mein Opa immer die Scheite fรผr das Kaminfeuer gespaltet hatte.

Die Axt steckte, als wรคre sie eben noch benutzt worden, tief in das Holz getrieben.

Ich strich รผber den Schaft und umgriff ihn, die trockene Faserung spรผrend.

Meine Augen wanderten weiter durch den Raum und verfingen sich auf einer gestapelten Ansammlung von Bananenkisten, die – gemeinsam mit ihrem Inhalt- den Raum mit dem Geruch feuchten Papiers fรผllten.

Ich empfand eine Beklemmung zwischen Brust und Magen, ohne zu wissen weswegen und meine Hรคnde begannen leicht zu schwitzen.

Wieso brannten meine Augen auf einmal? Was suchte ich hier, was hoffte ich zu finden?

Unbemerkt war ich zu den Kisten gelaufen, die unter dem zerbrochenen und mit Pappen zugeklebten Fenster standen, hatte den Staub und mehrere tote Spinnen beiseite gestrichen und den Deckel der vordersten angehoben.

Stapelweise lagen sie vor mir, die Tagebรผcher, die hier vermutlich weitgehend unbemerkt lagen und Wasser aus der Luft zogen.

Manchmal habe ich Angst, Dinge die ich mir immer gedacht habe, bestรคtigt zu wissen.

Manchmal weiรŸ ich schon vorher, wie verletzend sie sind und wo es dann weh tut.

Dennoch frage ich. Dann kommt der Schmerz und ich muss versuchen ihn zu umarmen.

So รถffnete ich eines der Bรผcher – jenes das mir zuerst in die Hรคnde gefallen war.

Kapitel 2

โ€žWenn drei von diesen sechs Aussagen innerhalb der letzten 12 Monate auf sie zutreffen, gelten sie als Alkoholabhรคngigโ€œ, sagt Frau Mayer, hebt ihren in ein grรผnes Leinenkleid gehรผllten Kรถrper aus dem Stuhl, geht zwei Schritte in die Mitte des Kreises und platziert sechs DinA4 Blรคtter auf dem Teppichboden.

Da liegen sie also, die ICD-10 Kriterien der WHO .

Craving, also das starke Verlangen, Alkohol zu trinken.

Kontrollverlust รผber Beginn und Menge des Konsums.

Toleranzentwicklung, Vernachlรคssigung anderer Interessen, anhaltender Konsum trotz schรคdlicher Folgen und kรถrperliche Entzugserscheinungen bei Reduzierung oder Konsumstopp.

Sieben Kรถpfe beugen sich nach vorne an diesem Vormittag- morgens halbzehn in Deutschland.

Die Info-Gruppe in der Zweigstelle fรผr Suchterkrankungen der Caritas ist fรผr Betroffene jeglicher Abhรคngigkeit, aber zu 90 Prozent sitzen hier Menschen, die trinken. Einige ziehen zusรคtzlich Koks, um sich trotz einer fetter werdenden Leber wie ein Kรถnig zu fรผhlen. Andere kiffen, um nachts zumindest ein wenig Schlaf zu finden, wenn sie mitten in einer Trinkphase stecken und das Karussel im Kopf keine Pause mehr machen mรถchte.

Beikonsum nennt man das. Sie sind hier um sich in ein Hilfssystem einzugliedern, um eine Abstinenzphase zu stabilisieren, um den Bestandteil eines Gerรผsts in ihren Alltag zu pflanzen. Etwas, das sie unterstรผtzt dabei, zumindest weniger zu trinken. Nรผchtern muss man sein, wenn man hier teilnehmen mรถchte, das ist eigentlich die einzige Voraussetzung.

Das Bingospiel hat begonnen, in Gedanken werden Kreuze gesetzt und nach einigen Momenten richten sich sieben Oberkรถrper wieder auf und nicken, mit leicht nach oben gezogenen Mundwinkeln, Lรคcheln ist keine passende Umschreibung. Obwohl jeder gewonnen hat bleibt der Bingo-Ruf aus.

โ€žWer kann mit einigen dieser Punkte etwas anfangen, wer kennt so etwasโ€œ? fragt Frau Mayer.

โ€žJa mit allenโ€œ, platzt es aus Hamid, โ€žalles kenne ichโ€œ.

Er hรคlt einen sehr kleinen, grauen, rattenรคhnlichen Hund auf dem SchoรŸ, der pausenlos zittert und versucht an Hamids Armen hochzuklettern.

Nรคchste Woche, hat Hamid in der Vorstellungsrunde gesagt, gehtโ€™s ab in die JVA, in den Vollzug. Er war da schonmal und hat Angst, dort rรผckfรคllig zu werden. โ€žSowas wie hier gibtโ€™s da auchโ€œ, hat er gesagt, โ€žaber da sind alle besoffenโ€œ. Er weiรŸ noch immer nicht, was er mit seinem Hund machen soll, solange er sitzt.

โ€žJetzt sogar will ichโ€œ, schmeiรŸt der รคltere Herr der neben Hamid sitzt und dessen Namen ich zuvor nicht verstanden habe, nuschelnd in die Runde.

Alkohol zeichnet, Alkohol schleift seine Jรผnger รผber die Jahre wie Wasser Steine, formt Furchen in die Haut und reiรŸt Lรผcken in die Zรคhne.

Ja, ich sitze auch dabei. Ich beobachte, aber ich gehรถre genauso hierher wie jeder der Anderen. Mein Alkoholkonsum ist seit jetzt fast zehn Jahren โ€žproblematischโ€œ. Das ist eine sehr wohlwollende Umschreibung, die vielleicht zu Beginn zutreffend war, als ich mein Gehirn nach und nach darauf konditionierte, dass es eine Lรถsung gibt, wenn es mir schlecht geht.

Wenn man morgens in einem Zimmer aufwacht in einem Flรผgelhemd und mit einer Kanรผle im Arm, im Bett nebenan ein fremder, schnarchender Mann โ€“ wenn man so aufwacht, nicht mehr weiรŸ wie man hierher gekommen ist aber das nichts Besonderes mehr ist, wenn man als erstes denkt wo bin ich hier und als zweites, wo ist von hier aus der nรคchste Supermarkt, dann ist es vorbei mit โ€žproblematischโ€œ.

Da gehรถrt ein Haken hinter jeden der Punkte, alles andere ist Augenwischerei und war es schon viel zu lange.

Kapitel 3

Seit sechs Wochen sitzt Anna ihm beim Mittagessen gegenรผber. Sie ist 56 und kommt aus Litauen.

Alles Gute, Anna, sagt Robin und streichelt ihr รผber den Oberarm.

Fรผr dich auch alles Gute, Robin, sagt Anna. Weil sie fรผr eine Zahnwurzel-Operation mehrere Tage in ein Krankenhaus muss und die Rentenversicherung fรผr eine solche Behandlung nicht zustรคndig ist, muss die Therapie abgebrochen werden. Anna ist herausgestochen hier. Mit voller รœberzeugung hat sie die bisweilen wรคssrige Champignoncreme-Suppe gelรถffelt und gelobt und das harte Gullaschfleisch gekaut, bis die Nervenenden ihrer Kieferregion diffuse Schmerzen รผber ihr ganzes Gesicht gestreut haben. Sie hat tatsรคchlich den Eindruck erweckt, freiwillig hier zu sein. Um etwas zu verรคndern. Ihrem Leben, das nach dem Auszug ihres Sohnes so seltsam sinnlos geworden ist, einen neuen Geist einzuhauchen. Alles was sie hierher mitgenommen hat, passt in einen grauen Rollkoffer, der neben ihr stehend auf den Abtransport wartet. Vielleicht weil Anna sehr sorgfรคltig faltet โ€“ oder sehr klein ist, denkt Robin.

Hoffentlich darf ich bald wiederkommen, um das hier fertig zu machen, sagt sie.

Robin nickt, dreht sich um, geht durch die Drehtรผr des Eingangsbereiches und lรคuft Richtung Gebรคude A, in dem sich die Patientenzimmer befinden.

DrauรŸen scheint die Sonne, auf der Rรผckseite des Hauses kann man hinab auf die Baumspitzen der dunklen Tannen blicken, die sich aus dem Nebelbett strecken, das die kleinen Ortschaften im Tal bedeckt.

An diesem Morgen hat Robin mit Lola telefoniert. Ich habe mich in jemanden verliebt, hat sie gesagt. Jemanden der im Leben steht. Es ist ausgesprochen und irgendwie hat er es gespรผrt. Die ganzen letzten Wochen, der seltener gewordene Kontakt, die abgesagten Besuche. Und trotzdem. Das ist unreal. Ein Mensch kann รผber einen anderen Menschen doch nicht so viel wissen, eine Hรคlfte des eigenen Herzen mit einer des Anderen getauscht haben und dann auf einmal mit beiden Hรคlften davonmarschieren.

Ihm ist den ganzen Vormittag schon รผbel. Beim Volleyballspielen in der Sporttherapie starrt er durch das Netz ins Leere, britscht und baggert vor sich hin als wรผrde er Selbstgesprรคche fรผhren.Im Leben stehen, was soll das bedeuten? Vielleicht so etwas wie einfach da sein, nicht abwesend, physisch.

Mit einem Kopf der da ist, aber nicht schwer, nicht zugestopft mit ร„ngsten und Sorgen und unausgedrรผckten Gefรผhlsklumpen, die sich wie Fellknรคule im Hals verkeilen.

Mit Gedanken, in denen sich die scheinbare Beschissenheit der Dinge in der Gegenwart mit all den ungenutzten Chancen der Vergangenheit mischen. So wie jetzt.

Mit dem Blick auf das Kopfsteinpflaster gerichtet, damit die ihm entgegegenkommenden Patienten nicht die Trรคnen in seinen Augen sehen kรถnnen, stolpert Robin in Herrn B., seinen Therapeuten.

Herr B. sieht aus wie ein freundlicher Storch, seine Augen wirken immer leicht belustigt, aber als er Robin sieht merkt er sofort, dass seine Tagesplanung spontaner Anpassung benรถtigt.

Da will jemand zu mir, das sehe ich, teilt er ohne Umschweife mit. Und tatsรคchlich war genau das der Plan und auch das Einzige, was Robin fรผr diesen Tag noch eingefallen wรคre. AuรŸer sich vielleicht irgendwann noch zu รผbergeben. Und literweise Wasser trinken.

Denn diesen Druck, den er jetzt schon seit einigen Stunden empfindet, diese mulmige Last in der Bauchgegend, das ist die Magenpforte.

Wenn der Magen leer ist und gefรผllt werden mรถchte, klopft der Pfรถrtner und macht auf sich aufmerksam.

Das ist die Stelle, an der er es als Erstes gespรผrt hat, wenn er getrunken hat.

Da ist es warm geworden, da hat sich das Loch geรถffnet, das kalte Gedanken schluckt, ganz schnell โ€“ ganz kurz.

Und da verbindet sich die Biologie mit dem Kopf.

Robin hat keinen Hunger gerade. Er hat vor zehn Minuten gegessen, aber ist innerlich leer.

In ihm schreit alles danach gefรผllt zu werden. Und in den letzten Jahren ist der Korridor an Mรถglichkeiten immer kleiner geworden. Kรถrperlich, das weiรŸ er, ist Wasser genauso gut.

Alles andere muss er aushalten โ€“ und ein bisschen bei Herrn B. lassen, um 14 Uhr.

Alles Gute, alles Gute..murmelt Robin und schluckt Fellknรคule wรคhrend er die breiten Treppen ins Dach steigt.

Irgendwann vielleicht. Irgendwann wird alles gut.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht verรถffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert